Zeitenwende - Wendezeiten
Andreas Loesch, Vorstandsvorsitzender des Festival junger Künstler Bayreuth
Aus Anlass seines 60. Geburtstages gilt es für das Festival junger Künstler Bayreuth sowohl zurück zu blicken als auch nach vorne zu schauen, Bilanz zu ziehen, noch einmal Bilder und Erinnerungen vorbeiziehen zu lassen, aber auch Perspektiven zu diskutieren und einen Diskurs über seine Zukunft zu führen.
Dieser Anspruch spiegelt sich im Thema des diesjährigen Festivals wider: „Zeitenwende - Wendezeiten“. Wir wollen den Versuch unternehmen, das kulturelle Erscheinungsbild von Wendezeiten in der Geschichte Deutschlands und Europas seit der Mitte des 19. Jahrhunderts anhand ausgewählter zeittypischer Texte und musikalischer Beispiele zu beschreiben und zugleich einen Ausblick und Wünsche für eine künftige Entwicklung zu formulieren.
Ich möchte dieses Konzept im Folgenden durch einige Beispiele aus dem diesjährigen Festi-valprogramm kurz verdeutlichen:
Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/ 71 schreibt Richard Wagner ein „Lustspiel in antiker Manier“ und nennt es „Eine Kapitulation“. Dieser Text, den Wagner nicht komponiert, veralbert den französischen Kulturbetrieb und die französische Politik der Zeit. Wagners Stück reiht sich somit durchaus ein in den Kontext der nationalen Aufbruchstimmung der Zeit, die vom kommenden deutschen Kaiserreich sich eine neue Periode der Geschichte verspricht. Doch schon sehr bald ist bei vielen deutschen Intellektuellen die Hoffnung auf die neue Zeit verflogen. Nichts von den Träumen der 48er Revolution ist im neuen Kaiserreich wahr geworden, es war eine Zeitenwende, die auf überkommenen Fundamenten beruhte. Und ist es nicht so, dass, wenn man Wagners „Kapitulation“ gespiegelt liest, er darin auch die deutschen politischen Zustände und den hiesigen Kulturbetrieb kritisiert?
Der Erste Weltkrieg und seine Folgen erschüttert Europa in seinen Grundfesten. Die alten Ordnungen stürzen, drei Kaiserreiche in Europa werden durch Revolutionen hinweg gefegt. Neue soziale Bewegungen kommen an die Macht, neue Staaten entstehen. Diese Zeit des politischen und gesellschaftlichen Aufbruchs geht einher mit revolutionären Veränderungen in der Kunst. Das Programm des Symphonieorchesters unseres diesjährigen Festivals schildert dies an drei charakteristischen musikalischen Werken von Mahler, Berg und Bartók.
Gustav Mahlers unvollendete zehnte Sinfonie von 1910 lässt im Adagio eine bevorstehende Zeitenwende erahnen und beschreibt sie in der vorangetriebenen Auflösung der Tonalität. Alban Bergs „Konzert für Violine und Orchester“ (1935) ist bereits erfasst von der neuen Klangsprache der zweiten Wiener Schule. Die spätromantische Übersetzung von Bela Bartóks „Konzert für Orchester“ (1943) ist noch einmal ein Abgesang auf eine zu Ende gegangene Epoche, die Komposition aber verrät den Einfluss der neuen Zeit.
Ebenfalls 1943 entsteht Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“. Doch während Bartók sein Orchesterkonzert in den USA schreiben kann, wohin ihm die Flucht aus Ungarn gelungen war, entsteht Ullmanns Oper im KZ Theresienstadt. Dort erlaubt ihm der Zynismus der Nationalsozialisten das weitere Komponieren, ja fordert es sogar von ihm, um der Welt zu beweisen, wie angenehm doch das Leben in einem KZ ist. In dieser Situation gelingt Ullmann ein beeindruckendes Werk, welches die wirklichen Verhältnisse im KZ in symbolischer Schärfe nachzeichnet. Die Nazidiktatur stürzt knapp zwei Jahre später. Ullmann erlebt diese Zeitenwende nicht mehr. Er wurde 1944 im KZ Auschwitz ermordet.
Wir sind nun im Heute angelangt. Das zentrale Thema unserer Zeit heißt, wie gehen wir nach über 65 Jahren Frieden und Demokratie mit den neuen Herausforderungen der Globa-lisierung um? Gelingt uns der Dialog der Kulturen? Wie entwickelt sich das Zusammenleben mit den vielen Menschen mit Migrationshintergrund? Um diese neue Wendezeit zu beschreiben, wird Vladimir Ivanoff beim Projekt „Wege zu Parsifal“ einen musikalischen Dialog zwischen Musikern aus Europa und aus arabischen Staaten, zwischen Okzident und Orient, initiieren, die gemeinsam den alten Stoff, der beiden Kulturen verbunden ist, musikalisch neu zu deuten versuchen. So ergeben sich vielleicht gemeinsam veränderte Sichtweisen auf etwas, von dem man glaubt, schon sicheres Wissen zu besitzen.
Das Festival Junger Künstler Bayreuth hat das Thema „Zeitenwende - Wendezeiten“ auch deshalb zu seinem 60. Geburtstag gewählt, weil es sich von Anbeginn neuen Entwicklungen in Politik und in der Kunst, vor allem in der Musik, verpflichtet gefühlt hat. Dies soll auch künf-tig Auftrag und Anspruch des Festivals bleiben.